

Die Schwetzinger Zeitung schrieb in ihrem Ketscher Teil
am 25. Januar 2006.
Lokale Agenda im Dialog mit Schülern
Mehr Sicherheit auf Schulwegen / "Raser" erfasst / Ergebnisse
im Unterricht vermitteltn
Ketsch. Schulwege im Blick: Seit Dezember 2004 richtet die Lokale Agenda 21
ihr Augenmerk unter anderem verstärkt auf die Mannheimer Straße,
in der eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern besteht. Hier
hatte die Agenda zunächst geplant, an Verkehrsgeschwindigkeitsmessungen
der Polizei auch Schülerinnen und Schüler der Neurottschule teilnehmen
zu lassen. Deren Aufgabe hätte es sein sollen, an der Anhaltestelle mit
gestoppten Verkehrsteilnehmern auf freiwilliger Basis ein Gespräch zu
führen über deren Beweggründe, auf diesem stark frequentierten
Schulweg mit überhöhter Geschwindigkeit zu fahren und damit auf
die potenzielle Gefährdung von Schülern aufmerksam zu machen.
Nachdem bereits anderenorts, zum Beispiel in Schopfheim, vergleichbare Projekte
erfolgreich durchgeführt worden waren, hatten sich die Agenda-Mitglieder
auch für Ketsch erhofft, zu schnell fahrende Verkehrsteilnehmer zum Überdenken
ihres Fahrverhaltens zu bewegen. Doch trotz intensiver Gespräche mit
den zuständigen Behörden, kam das Vorhaben in der von der Agenda
erwünschten Form nicht zustande, da eine Schülerbeteiligung in mehrfacher
Hinsicht als problematisch eingeschätzt wurde.
Jedoch veranlasste die Polizeidirektion Heidelberg daraufhin eine Geschwindigkeitsmessung,
die ergab, dass 6,9 Prozent der gemessenen Fahrzeuge zu schnell bewegt wurden.
Ein Wert, der laut Polizeiangabe über dem Durchschnitt solcher Messungen
liegt. Bemerkenswert daran war aber, dass an besagtem Tag ausgerechnet ein
Schüler, der auf dem Weg zur Schule in einer Nachbargemeinde gewesen
war, mit einem getunten Zweirad den "Spitzenplatz unter den schwarzen
Schafen" eroberte. Nachdem er mit 62 Stundenkilometern die Messstelle
durchfahren hatte, missachtete er die nachfolgende Weisung der Polizei zum
Anhalten. Noch während seines Schulunterrichtes wurde der Schüler
von der Polizei ausfindig gemacht.
Nicht zuletzt hat auch das die Lokale Agenda bewogen, durch Änderung
ihres "Schulwegprojektes" doch noch eine Möglichkeit zu schaffen,
das Verkehrsgeschehen in der Mannheimer Straße und die möglichen
Folgen daraus Schülern der Neurottschule näher zu bringen.
Dank tatkräftiger Unterstützung durch Hauptamtsleiter Jürgen
Kappenstein wurde, mit Hilfe der Gemeindeverwaltung, ein Radardisplay angemietet
und etwa drei Wochen lang in der Mannheimer Straße aufgestellt. In dieser
Zeit wurden die Geschwindigkeitsdaten von insgesamt 61 520 Fahrzeugen erfasst
und aufgezeichnet. Auch wenn einige Anwohner von ihrem positiven Eindruck
berichteten, wonach die Verkehrsteilnehmer durch das Display offenbar zu einer
zurückhaltenderen Fahrweise bewogen wurden, ergab eine Auswertung der
Daten - entsprechend der Massgabe polizeilicher Geschwindigkeitskontrollen
in "30 km/h-Zonen" -, dass noch 8,4 Prozent zu schnell gefahren
waren. Der "Geschwindigkeitsrekord" lag bei erschreckenden 82 Stundenkilometern.
Hinzu kommt, dass täglich, schon während der Mittagszeit und der
dann ebenfalls verstärkten Schulwegnutzung durch die Schüler, ein
relativ hohes Verkehrsaufkommen festzustellen war.
Im Zusammenwirken mit der Rektorin der Neurottschule, Angelika Krieger, und
dem Klassenlehrer der derzeitigen zehnten Klasse, Walter Szeitszam, wurde
die Möglichkeit geschaffen, die Schüler während des Unterrichts
mit den Erkenntnissen bekannt zu machen und auch die physikalischen Grundlagen
bewegter Fahrzeuge und deren Bremsverhalten zu erklären.
Gerhard Schmidt, der dieses Projekt für die Lokale Agenda seit Beginn
betreut, hatte die Aufgabe übernommen, einige Arbeitsmaterialien vorzubereiten,
darunter einen Multiple-Choice-Fragebogen, mit dem die Schüler auf die
Thematik eingestimmt wurden und ihre Einschätzungen dazu abgeben sollten.
Zusätzlich erstellte Schmidt eigens eine Software und eine darauf abgestimmte
Formelsammlung, um Berechnungen zu solchen Fragen vornehmen zu können.
So machte Schmidt den Schülern unter anderem deutlich, dass der Anhalteweg
eines mit 30 Stundenkilometern fahrenden Pkw bei mittleren Straßenverhältnissen
bereits rund 15 Meter beträgt, sich bei glatter Fahrbahn auf bis zu 43
Meter erhöht und die in einem solchen Pkw steckende kinetische Energie
ausreicht, um einen Körper mit 50 Kilogramm Masse theoretisch auf eine
Höhe von rund 85 Meter zu katapultieren. Da sich diese Zahlen entsprechend
der Geschwindigkeitsübertretungen noch drastisch erhöhen können,
waren letztlich auch die Schüler davon recht beeindruckt.
Infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse musste auf die im Schulhof
geplanten praktischen Bremsversuche mit Fahrrädern der Schüler verzichtet
werden. Die daraus gewonnenen Ergebnisse hätten ebenfalls in Berechnungen
einfließen und bewertet werden sollen. Damit blieb dann nur noch die
Ermittlung ihrer persönlichen Reaktionszeiten, an der sich die Schüler
allerdings sehr rege beteiligten.
Die Lokale Agenda 21 wird auch weiterhin die Schulwege in Ketsch im Auge
behalten. Nach den gewonnenen Erfahrungen ist es vorstellbar und aus der Sicht
der Lokalen Agenda auch wünschenswert, dass dieses Unterrichtskonzept
in einer dann überarbeiteten Form auch für Nachfolgeklassen aufgegriffen
wird. gs
© Schwetzinger Zeitung - 25. Januar 2006
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