

Die Schwetzinger Zeitung schrieb in ihrem Ketscher Teil
am 28. Januar 2006.
Hinsehen, hinhören, handeln: Schüler lernen gemeinsam
In der siebten Klasse der Neurottschule steht jeden Donnerstag ein
außergewöhnlicher Unterricht auf dem Stundenplan
Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Janson
Ketsch. Gewaltprävention soll nicht nur als fester Bestandteil in das
Schulprofil, sondern auch in die tägliche Unterrichtszeit integriert
werden. Dies hat sich die Neurottschule auf die Fahnen geschrieben. Im Pilotprojekt
"Coolness-Training" wird aus Theorie erfahrungsbezogene Praxis.
Wir waren zu Gast in einer solchen Unterrichtsstunde.
"Wie ist die Stimmung?", fragt Schulsozialarbeiterin Marion Sandritter und die Schüler halten Karten hoch: grün bedeutet ,gut', gelb heißt ,es geht so' und rot beinhaltet ,schlecht'. Viele Karten, die in die Luft gestreckt werden, sind grün oder gelb - ein positives Symbol und beste Voraussetzung für eine produktive Unterrichtsstunde. Apropos Unterricht: Hier ist nichts wie sonst üblich. Keine Schul-Sitzbänke stehen in Reih' und Glied nebeneinander; stattdessen gibt es nur die im Halbkreis aufgestellten Stühle. Tafel, Kreide, Schulbücher - werden nicht benötigt. Ein Projektor ist das einzige Hilfsmittel, und den Unterricht gestalten Polizeibeamte.
Und noch jemand ist im Klassenzimmer anwesend: Hündin "Abja"
geht ruhigen Schrittes an den Schülern vorbei, reckt hier und da ihren
Kopf, um gekrault zu werden und macht es sich dann am Boden bequem - die Ohren
immerzu gespitzt! Windhündin Abja ist ein Therapiehund, der speziell
ausgebildet wurde, um mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Abja hat ein
ruhiges Wesen und ein sensibles Gespür für Stimmungen: Bei Aggression
zieht sie sich sofort zurück, während sie auf Freundlichkeit mit
einem zärtlichen Schnauzestupser reagiert. Die Schüler scheinen
zu spüren, dass etwas anders ist, obwohl die Hündin kaum auffällt.
Die Mädchen und Jungen verhalten sich gleichermaßen diszipliniert
und freuen sich sichtlich, wenn Abja bei ihnen verweilt - ist es doch ein
Zeichen dafür, dass die Atmosphäre entspannt ist.
"Ja- oder Nein-Ecke"
Roland Matzke vom Polizeipräsidium Mannheim beginnt mit der "Aufmerksamkeits-Fokussierung", die er in der vergangenen Unterrichtsstunde mit den Schülern geübt hatte: Gerade Sitzhaltung einnehmen, Hände auf die Oberschenkel legen und sich konzentrieren. Ein Stichwort genügt, und schon herrscht Stille im Zimmer.
Kurz darauf übernimmt Petra Liebitz, ebenfalls vom Polizeipräsidium
Mannheim, die Leitung: Das so genannte "Entscheidungsspiel" steht
auf dem Programm und schon kommt Bewegung in die Klasse. "Ein Schüler
stört den Unterricht. Ist das für dich Gewalt?" lautet die
erste Frage. Diejenigen, deren Antwort ,ja' lautet, gehen auf die rechte Seite
des Klassenzimmers, die anderen auf die linke Seite. Anschließend müssen
die Entscheidungen begründet werden. "Wenn jemand den Unterricht
stört, können sich andere, die etwas lernen wollen, nicht mehr konzentrieren.
Also ist es eine Form von Gewalt!" - "Das finde ich nicht! Gewalt
ist nur körperlich und das Stören des Unterrichts ist nicht so schlimm!"
Die Meinungen der Schüler gehen auseinander. Auch die folgenden Fragen,
bei denen es unter anderem darum geht, dass ein Schüler eine Schülerin
gegen ihren Willen in den Arm nimmt und diese daraufhin dem Schüler eine
Ohrfeige gibt, werden kontrovers diskutiert. Ist es Notwehr? Verteidigung?
Ein Akt der Gewalt? Weder die "Ja-Ecke" noch die "Nein-Ecke"
bleibt jemals ganz leer. Schnell wird klar, dass es keine falschen oder richtigen
Antworten gibt. "Gewalt wird nur vom Opfer verstanden, nicht vom Täter",
bringt Petra Liebitz das Ergebnis des Spiels auf den Punkt. "So lange
Schüler unter Gewalt nicht dasselbe verstehen, ist es schwierig, Gewalt
gemeinsam zu definieren."
Rollenspiele
Wie man zu gewaltfreien Lösungen finden kann, soll das nächste Spiel verdeutlichen. Ein Schüler und eine Schülerin werden mit Handschellen aneinander gefesselt. Rechts und links der beiden werden auf dem Boden Geschenke gelegt, und zwar so, dass die Schüler sie nicht aus dem Stand erreichen können. "Wer sein Geschenk zuerst erreicht, hat gewonnen", sagt Petra Liebitz auffordernd. Es dauert nur wenige Sekunden: Der Schüler, zweifelsohne an Kraft und Stärke der Schülerin überlegen, zieht mit einem Ruck nach links und hat sein Geschenk erreicht. Stolz hält er es in die Höhe, während sich die Schülerin das schmerzende Handgelenk reibt, auf dem die Handschellen leichte Spuren hinterlassen haben. "Wie hätte das Problem anders gelöst werden können?", lautet nun die Frage, nachdem Roland Matzke die beiden Schüler von ihrer "Fesselung" befreit hat. Viele Vorschläge werden gemacht und schließlich die Lösung gefunden: Zuerst zusammen das eine Geschenk nehmen, dann gemeinsam das andere.
"Wichtig ist es, sich in schwierigen Situationen auszutauschen, ruhig zu bleiben und nicht gegeneinander sondern miteinander zu arbeiten", unterstreicht Petra Liebitz. "Wenn ihr euch des Problems bewusst werdet und dann auch den Mut habt, es auszusprechen, seid ihr auf einem guten Weg, um gemeinsam zu handeln oder wenigstens um Hilfe zu ersuchen", ergänzt Roland Matzke.
Ein weiteres Spiel widmet sich dem Thema "gutes Zuhören/Störungen in der Kommunikation". Zwei Tische werden aufgestellt und zwei Schüler setzen sich hin, den Rücken einander zugewandt. Während der "Sprecher" mit Bauklötzen etwas baut, teilt er dem "Zuhörer" jeden seiner Schritte mit, so dass dieser dasselbe bauen kann. Das Experiment glückt: Die beiden "Bauwerke" sehen fast gleich aus. Beim zweiten Durchgang werden beiden Schülern "Störer" an die Seite gestellt, die ständig dazwischenreden und abzulenken versuchen. Im Nu verwandelt sich das zuvor noch koordinierte Bauen in ein chaotisches Unterfangen. Immer und immer wieder muss der "Sprecher" seine Anweisungen wiederholen, während der "Zuhörer" fast nichts davon versteht. Beide werden zornig und gereizt - Hündin Abja zieht sich zurück.
Das Ergebnis ist eindeutig: Von gleichen "Bauwerken" keine Spur mehr. Nur die "Störer" fanden es lustig! Mit dieser anschaulichen Demonstration wurde den Schülern vor Augen geführt: "Geht fair miteinander um, dann könnt ihr den Stress schon im Keim ersticken", fasst Roland Matzke zusammen.
Die Schüler sind spürbar aufgewühlt, beginnen zu diskutieren und manche sagen, dass sie nicht geglaubt hätten, dass eine Störung tatsächlich so großen Einfluss auf das Bauen mit den Klötzen haben könnte. Windhündin Abja steht wieder bei den Schülern und lässt sich streicheln - das beruhigt und besänftigt die Gemüter. "Setzt euch erst einmal wieder hin", fordert Marion Sandritter auf.
Allmählich kehrt Stille ein und ein Junge fragt: "Wie geht es denn jetzt weiter?" Dass Schüler wissen wollen, was sie als nächstes lernen müssen (und zwar nicht mit dem Hintergrund, gleichzeitig zu erfahren, wann der Unterricht zu Ende ist), ist ein schöner Erfolg für das Projektteam, das in der Tat noch spannendes Lernmaterial mitgebracht hat, unter anderem den Videofilm "Gewalt in der U-Bahn".
Hinsehen, hinhören, handeln: Mit den "drei großen H's" geht eine Stunde zu Ende, die Eindruck hinterlassen hat. "Wie ist die Stimmung?", fragt Marion Sandritter zum Abschluss. Ein Meer aus grünen Karten, die nach oben gehalten werden, ist die lautlose Antwort.
© Schwetzinger Zeitung - 28. Januar 2006
- nach oben -