

Die Schwetzinger Zeitung schrieb in ihrem Ketscher Teil
am 28. April 2007.
Interessante Perspektiven mit ungewisser Zukunft
"Girls Day" in der Enderlegemeinde
mit Chancengleichheit: Neben Mädchen dürfen auch Jungs Arbeitsluft
schnuppern
Von unserer Mitarbeiterin Anke Koob
Ketsch. Chancengleichheit wird in Ketsch am Rhein fast schon traditionell
gelebt. Daher durften am Donnerstag nicht nur die Mädchen der sechsten
und siebten Klassen der Neurottschule im Rahmen des "Girls Day"
die Berufswelt der Männer erforschen, sondern auch die Jungs einen Blick
hinter die Kulissen des erzieherischen Alltags werfen. Der "Girls Day"
wurde zum siebten Mal in Baden-Württemberg veranstaltet, landesweit beteiligten
sich etwa 15 000 Mädchen an mehr als 1000 Veranstaltungen. So soll das
Interesse für Berufe geweckt werden, in denen Frauen unterrepräsentiert
sind, wie das Landes-Wirtschaftsministerium mitteilte. Werksführungen,
Gespräche mit Auszubildenden und Führungskräften, aber auch
konkrete Mitarbeit standen auf dem Programm.
Bolzen? Pustekuchen!
"Die hätten sonst den ,Girls Day' am Liebsten zum Bolzen genutzt",
erklärt Konrektor Joachim Rumold den ungewöhnlichen Einsatz der
Jungs aus den Klassen 6a, die im Kindergarten Pusteblume sich jeweils um ein
Kind kümmern durften. Ein Engagement, über das die Mädchen
nur zu gerne kicherten. "Unsere Jungs beim Brötchenbacken mit kleinen
Kindern? Das hätten wir gerne gesehen", sind sich da Liridona, Sarah,
Nicole, Hannah und Larissa einig. Sie hingegen stehen im schattigen Hof des
Handwerksbetriebes Weber Elektrotechnik und genießen den Ausblick auf
ein Schweißgerät in den Händen von Thomas Weber. Der referierte
bereits den ganze Vormittag über Rohre, Verbindungen, Warm- und Kaltwasser
und entlockte den Hauptschülerinnen dabei mehr als ein müdes Lächeln.
"Das ist echt spannend", kommentiert so Liridona, die gerade ein
Rohr biegen durfte und nun eine Lektion in Arbeitssicherheit erhält.
"Niemals anfassen, das ist mehrere hundert Grad heiß", warnt
Thomas Weber und lässt das Material im kalten Wasser zischen.
Das Berufsbild einer Anlagenmechanikerin im Bereich Sanitär, Heizung
und Klimatechnik innerhalb weniger Stunden zu vermitteln, ist eine Herauforderung
für den Handwerksmeister, der die Aufgabe jedoch souverän meistert
- schließlich hat ihm die Handwerkskammer mit dem Meistertitel auch
die Ausbidungsberechtigung übergeben. "Ich habe mir natürlich
schon genau überlegt, wie ich den Tag mit den Mädchen gestalten
kann", erklärt er. Mit zu seinem persönlichen Programm gehörte
daher auch die Werkstoffkunde und die Vorstellung einer Heizanlage in ihren
technischen Details. "Dank moderner Materialien ist dieser Beruf nicht
mehr mit großer körperlicher Anstrengung verbunden und daher auch
für Mädchen interessant", so Weber.
Skeptisch blicken die fünf Schülerinnen der Neurottschule auf das
Rohrleitungssystem in der Werkstatt. Spannend ist das ja alles, aber als Beruf?
Liridona ist sich da nicht so sicher. Ihr hat das Schweißen gefallen,
aber ob das ihre Zukunft sein könnte? Für Sarah liegt die Berufswahl
in noch unkonkreter Ferne: "Das sind ja noch drei Jahre." Auch Hannah
hat noch keine Vorstellung, was die Zukunft bringen wird. Auch wenn der Brennkessel
sie beeindruckte, aber vielleicht wird es doch eher ein klassischer Frauenberuf.
Immerhin sind es auch noch heute die Mehrzahl der Schulabgängerinnen,
die sich derzeit auf die zehn bekanntesten Ausbildungsberufe für Mädchen
konzentrieren. Larissas Mutter ist Hausdame in einem Hotel, ihr Vater stellt
Verpackungen her. Ihm über die Schulter durfte sie an diesem Tag nicht
blicken. Auch Nicole kennt die klassische Berufsverteilung: Ihr Vater ist
Wirtschaftsprüfer, die Mutter arbeitet als Arzthelferin. Dennoch konnte
sie sich beim "Girls Day" für die Vorstellung des technischen
Berufes begeistern: "Da kann man viel machen, das ist echt interessant."
Zukunftsmetier für Mädchen
Einem Praktikum bei Thomas Weber steht damit nichts entgegen. Er selbst hat
keinen Auszubildenden, aber seine persönliche Empfehlung könnte
seine Berufskollegen sicher überzeugen. Mädchen in seinem Metier
findet er nicht als ungewöhnlich, sondern die Zukunft.
Eine Idee, der sich auch fünf weitere Betriebe in Ketsch gewidmet hatten:
So konnten die Mädchen der sechsten und siebten Klassen sich auch für
den Beruf des Gipsers und Stukkateurs, des Heizungsbauers, Kommunikationselektronikers
und Sanitärfachmannes interessieren. Der Handwerker- und Gewerbeverein
Ketsch hatte sich für dieses Angebot stark gemacht.
Stark mussten auch die Jungs der Klassen sein. Die Kindergartenkinder zeigten
sich ganz begeistert von ihren großen "Patenonkeln" und halfen
mit allem Elan dabei, Brötchenteig zu kneten. Auch als Märchenonkel
durften sich die Jungs verdingen. "Das hatten wir schon in den Klassen
geprobt, die Jungs suchten sich die Geschichten selbst aus und die Mädchen
hörten ihnen zu", erklärt Schulsozialarbeiterin Marion Sandritter,
die das Projekt begleitete. Zehn junge Männer zogen dann am "Girls
Day" in den Kindergarten ein, während ihre Klassenkameraden für
die Grundschüler der Neurottschule ein Frühstück bereiteten.
Kindergartenkinder adäquat zu beschäftigen - für Janick (12)
eine seiner leichtesten Übungen: "Das macht Spaß." Eigentlich
will er aber Tierarzt werden. Wenn seine Freunde sich für den Beruf des
Arzthelfers oder des Erziehers entscheiden würden, hätte er "aber
auch kein Problem damit". Sascha hingegen bleibt beim Berufsziel Kfz-Mechaniker,
auch wenn er gerne auf kleine Kinder aufpasst. Selbst Steffen, dessen Herz
gerade von der kleinen Lea geraubt wurde, gesteht: "Ich würde ja
gerne etwas mit kleinen Kindern machen, aber eigentlich will ich Tischler
werden."
© Schwetzinger Zeitung - 28.04.2007 / Von unserer
Mitarbeiterin Anke Koop
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