

Die Schwetzinger Zeitung schrieb in ihrem Ketscher Teil
am 24. Januar 2008.
"Da fühlt man sich ja wie Britney Spears"
Suchtpräventionswoche an der Neurottschule: Wie wirken sich 1,3 Promille aus?
Von unserer Mitarbeiterin Anke Koob
Ketsch. Für Timo ist die Sache klar: Alkohol ist uncool. Der Dreizehnjährige ist Schüler der Neurottschule Ketsch und zieht sich gerade die große rote Brille vom Gesicht. Schlangenlinien, verzerrte Gesichter - die 0,8 Promille, die ihm das Ding auf seiner Nase suggerierte, genügten ihm fürs erste. "Wenn man sich selbst so sieht, weiß man, dass es uncool ist, zu trinken", grinst er und seine Mitstreiter an diesem Morgen nicken mit dem Kopf. Sie haben sich um Marion Sandritter und Carsten Petzold geschart und sind schlicht begeistert von den "Suchtbrillen", mit welchen man den Trunkenheitsgrad simulieren kann.
"Was fühlt ihr, wenn ihr sie aufhabt?", will die Schulsozialarbeiterin wissen. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7a sind sich einig: "Es dreht sich, die Welt wird rund, die Dinge scheinen viel weiter weg." Ihre Aufgabe an diesem Vormittag: mit der Brille auf der Nase einen Parcours zu durchwandern - Bobbycarfahren, über einen Kasten steigen, mit einem Hüpfball eine Strecke bewältigen, einen Flaschenverschluss zudrehen und ein Geldstück vom Boden aufheben. Gar nicht so einfach, stellen die Jugendlichen fest. Und dennoch lachen sie, denn ein bisschen peinlich wirkt die Situation schon.
Für Carsten Petzold, Polizeikommissar und Präventionssachbearbeiter im Polizeirevier Schwetzingen, ein gängiger Anblick. "In den Reflektionsrunden erzählen die Jugendlichen dann meist von ihren Aha-Erlebnissen, werden reflektierter und ruhiger", erzählt er. Immerhin ist er bereits zum vierten Mal in der Neurottschule zu Besuch. Genau so lange gibt es dort die Suchtpräventionswoche für die Siebtklässler. Im Rahmen der Projektwoche an der Schule setzen sie sich mit all jenen kleinen Mosaiksteinchen auseinander, die das Bild "Sucht" ergeben: Ernährung, Alkohol, Medikamente, Medienkonsum und vieles andere mehr. Gemeinsam mit ihren Lehrern mixen sie dabei alkoholfreie Cocktails, sprechen über Essstörungen oder lauschen Herbert Grönemeyers Lied "Alkohol". Auch die biologisch-chemischen Prozesse bei Drogenkonsum gehören dabei auf den Lernplan.
Erlebnispädagogische Übungen sollen hingegen stärken und Selbstbewusstsein vermitteln. Ein guter Grund, die Projektwoche mit einem gemeinsamen Ausflug in den Hochseilgarten zu krönen. Nicht als Belohnung, betont Schulsozialarbeiterin Sandritter, sondern als solides Fundament. Hier können die Jugendlichen üben, einander zu unterstützen, eigene Grenzen kennenzulernen und auch einmal "Nein" zu sagen. "Es ist wichtig, zu wissen, wie man mit Frust umgeht oder mit dem Druck von außen etwas zu tun", so Marion Sandritter. Dann können sie sich wirklich in ihrer Entscheidung bestärkt fühlen, keinen Alkohol konsumieren zu wollen.
Unterdessen durften zwei Mädchen die Brille testen. Vanessa sieht bei 1,3 Promille alles doppelt und die Siebtklässlerin Francis erklärt ihren Klassenkameraden die Sache mit den Brillen in für Jugendliche leicht verständlicher Weise: "Da fühlt man sich wie Britney Spears.".
© Schwetzinger Zeitung - 24.01.2008
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